Spirituelles Schwarzbrot, 16.03.2017

Beichtkapelle-FrauenbergAnbei heute – Nach dem Impuls von Pastor Leßmann – die Aschermitwochsbotschaft von Björn Schneidereit.
Sie ist wie eine Schwarzbrotbotschaft zur Passionszeit und spricht von einer Freiheit, die man nicht kaufen kann, die einem aber auch niemand wegnehmen kann. Wenn Sie zu Ende gelesen haben, ist hoffentlich nicht nur ein weiterer Stein aus der Mauer gefallen, sondern auch ein Mensch auf den Pfad der Freiheit gelockt, denn „zur Freiheit hat uns Gott befreit“. (Ihr Rolf Martin)

Liebe ökumenische Gemeinde,

ich darf Ihnen noch einen persönlichen Impuls zum Thema aus meinem Leben geben. Dazu möchte ich von einer Urlaubserfahrung erzählen, die ein paar Jahre zurückliegt. Es war Urlaub im Kloster – mittlerweile keine Seltenheit mehr. Ich habe es schon ein paar Mal gemacht; z.B. im Franziskanerkloster auf dem Frauenberg in Fulda.

Gastfreundlich sind sie, die Minderbrüder des Heiligen Franz von Assisi. Evangelisch, Katholisch, Atheist – es spielt keine Rolle. Jeder wird als Geschöpf Gottes empfangen, geachtet und ist gern gesehen bei den Stundengebeten. Ich folge dieser Einladung und nehme Teil am Singen der Psalmen in der kleinen Beichtkapelle. Im Wechsel singen wir uns das Wort Gottes ins Herz und loben den dreieinigen Gott. Dieses gemeinsame Gotteslob schafft für mich schnell Vertrautheit und Gemeinschaft, die verbindet.

An einem Tag in dieser Woche ist dann doch etwas fremd für mich und das werde ich nie vergessen. Ich sitze in der Kapelle und warte auf die Brüder. Auf dem Altar steht an jenem Tag eine Monstranz. Ein goldenes Schaugefäß, das die Hostie – den Leib Christi – würdevoll umrahmt und erhebt. Jeder Franziskaner, der die Kapelle betritt und die Monstranz erblickt, hält inne – und dann macht er keinen kurzen Kniefall, wie ich ihn schon oft gesehen habe, wenn katholische Christen eine Kirche mit Tabernakel betreten. Vielmehr stellen Sie sich die Szene so vor:

Jeder Bruder der die Kapelle betritt, geht ganz auf beide Knie hinunter,verharrt einen Moment in der Stille, bevor er sich wieder erhebt und zu seinem Platz geht.

Diese Szene berührte mich und prägte sich in mein Herz. Wir evangelische Christen knien selten vor dem Altar: meist nur zum Empfang des Segens bei der Konfirmation oder zur Trauung, Pastorinnen und Pastoren zur Ordination. So fremd mir das Knien vor der Monstranz war, diese innige Reaktion der Brüder auf den Leib Christi weckte in mir einen Gedanken:

Sie haben doch Recht damit. Unser Gott ist wirklich ein Gott zum niederknien, denn es ist umwerfend, wie nahe er uns kommt.“ Das macht dankbar und demütig. Eigentlich ist das Abendmahl doch ein bisschen wie Heilig Abend: Gott macht sich ganz klein, um leibhaftig bei uns zu sein.

Lutheraner haben zwar keine Monstranzen, aber wir glauben auch an die volle Gegenwart Christi in Brot und Wein während des Abendmahls. Kniebänke haben wir abgeschafft. Wir betonen die Freiheit. Gott will uns aufrichten. Aber in diesem Moment wurde mir vor Augen geführt, wie frei gerade der Mensch ist, der aus Dankbarkeit frei-willig vor Gott knien kann und welch innere Anbetung damit sichtbar wird. Gleichzeitig spüre ich tiefes Bedauern, dass wir uns durch verschiedene Glaubenslehren nicht an einen Tisch versammeln können. Hielten wir es doch mit Philipp Melanchthon. Der hat ein mal sagte: „Die Geheimnisse der Gottheit sind besser anzubeten als zu erforschen.“

Mich zumindest hat die Erfahrung in der Beichtkapelle der Franziskaner neu auf das Knien der Katholiken blicken lassen und auf den Wert dieser Anbetungsform. Falsche Bilder sind gewichen und mir wurde klar, dass in manch mir fremden Gesten meiner katholischen Geschwister spirituelles Schwarzbrot verborgen liegt. Aus dieser Erfahrung heraus ist mir bis heute wichtig, die demütige Anbetung Gottes als größten Schatz für die Ökumene zu betrachten. Wo immer dies miteinander gelingt, – so wie heute – fällt hoffentlich ein Stein aus der Mauer, die uns noch trennt.

Blogartikel von Björn Schneidereit

6 Gedanken zu “Spirituelles Schwarzbrot, 16.03.2017

  1. Liebe oder lieber Muriel –
    für mich ist hier die Rede von einer spirituellen Erfahrung der zweckfreien Öffnung eines Menschen gegenüber der unbegreiflichen Größe Gottes – und von einer so entstehenden spürbaren Begegnung mit dem göttlichen Gegenüber.
    Die Erfahrung und Anerkennung dieser Größe kann in befreiender Weise demütig und dankbar machen.
    Demut und Dankbarkeit bei den Vertreterinnen und Vertretern der Religionen könnten Schlüssel werden für ein grenzenloses und friedlich staunendes Miteinander.

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    1. Ja, und mir geht es vor allem darum, zu verstehen, was du damit meinst. Anbeten ist ja nicht das gleiche wie öffnen. Ich verstehe dich nun so, dass die Öffnung zu Demut und Dankbarkeit führt in Anbetracht der Größe des göttlichen Wesens. Meinst du diese Gefühle mit Anbetung, oder kommt noch etwas hinzu?
      Und du schreibst einerseits, dass die Öffnung zweckfrei ist, aber andererseits nennst du ja Gründe dafür, die mir prinzipiell sogar einleuchten. Du meinst, dass die Öffnung Demut und Dankbarkeit bewirkt und dass diese wiederum zu einem besseren Leben mit anderen Menschen führen können? Verstehe ich das so richtig?

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  2. Anbetung, so wie ich es verstehe (wenn es das ist, worum sich die Frage dreht), ist kein Tun, keine Leistung. Es ist eine spirituelle Erfahrung (das ist für mich mehr als Gefühl) auf der Seite des Menschen in der Verbindung zwischen Mensch und Gott, in der Mensch sich als klein und Gott als groß wahrnimmt. Zweckfrei heißt, ich mach das nicht „um zu …“. Anbetung kann zu etwas „Gutem“ führen, zb zu einem verständnisvolleren Zusammenleben – auch von Menschen die nicht gleich glauben. Allerdings entsteht das Urteil „Gut“ – ja „im Auge der Betrachterin“ – und nicht jede/r wird es teilen.

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  3. Und danke der Nachfrage.Beim ANtworten ist mir noch einmal selber klarer geworden, dass möglicherweise eine ähnliche Erfahrung der Größe Gottes bei unterschiedlichen Menschen sogar des Glaubens an den selben Gott zu ganz unterschiedlichen Verhaltensweisen führen kann.

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