Blog Sprache, 10.05.2017

different storySo komisch es klingen mag, aber besonders Sprache kann für das Blickwexxeln sehr hilfreich sein: Ich erinnere mich sehr gut an eine Zeit während des Studiums in den Niederlanden. Niederländisch lernen fiel mir nicht schwer. Doch es war wie ein Umziehen im Kopf, nicht mehr nur dort zu wohnen, sondern irgendwann auch niederländisch zu denken.
Meine Erfahrung war, als ich nicht mehr deutsch dachte … dass sich die Welt ganz anders erklärte … , dass sich die Welt ganz anders anfühlte … und dass mein Blick auf die Welt – bisweilen – wie ausgewechselt war.  „te gek“ … wenn etwas cool war. „kut“ wenn etwas schief lief. Und „Ik hou van jou“ wenn ich mich mal verliebt hatte.

Ebenso ging es mir, als ich 1986 in Südafrika im SACC (Kirchenrat) ein Praktikum machte. In der Zeit – nach dem Theologiestudium – lernte ich viele Glaubensinhalte noch einmal ganz neu kennen, als ich sie schließlich in englischer Sprache aussprechen und nachempfinden konnte. „we share your pain“ – wir teilen euer Leid, war plötzlich nicht mehr eine „Worthülse“, sondern ein ehrliches Bekenntnis an diejenigen, die liebe Menschen verloren hatten.

Die beigefügten Fotos aus New York möchte ich in diesem Zusammenhang mit den Bloglesenden teilen: „i have a story to tell you …“  Sprache verbindet Menschen. Wenn es etwas / stories zu erzählen gibt, dann fügt man Worte zusammen, die die eigene Welt beschreiben. Und unser Gegenüber bringt diese Worte neu Zusammen mit Erfahrungen aus der eigenen Welt – wie Bruchstücke, aus denen interpretierend

Neues entsteht. Welten begegnen sich, wenn Menschen sich begegnen. Und wenn es gut geht, und man wirklich zu verstehen versucht, gilt es bisweilen, die eigene Wertewelt zu verlassen und aus eine andere Werteperspektive einzunehmen. Das ist nicht unbedingt leicht.

Im Grunde ist es doch ein Wunder, dass wir uns manchmal ganz gut verstehen …  Das findet auch die Weltwärts Freiwillige Patricia, die mit Ihnen den folgenden Text teilen möchte.

Viel nachdenkliches Vergnügen mit dem Text von Patricia Fritze wünscht Ihnen Rolf Martin

Nicht dieselbe Sprache

Sprache ist überall: Sie begegnet uns auf Plakatwänden, im Internet sowieso, auf Straßen in Form von Graffitis, aber auch in Musik. Dies sind nur einige wenige Beispiele für das, was uns im Alltag an Sprache begegnet. Meist nehme ich die Sprache erst bewusster wahr, wenn ich in einem Land bin, in dem eine andere Sprache gesprochen wird. Ich denke, das geht vielen so. Auf das Thema Sprache wurde ich in den vergangenen Monaten immer mal wieder angesprochen und habe in diesem Beitrag ein paar Gedanken dazu niedergeschrieben.

In Kiribati ist die offizielle Sprache auch Kiribati. Doch schon bei der Aussprache der Sprache sollte man vorsichtig sein, denn wider Erwartung vieler, wird Kiribati richtig „Kiribas“ ausgesprochen. Das Alphabet dieser Sprache umfasst gerade mal 13 Buchstaben und birgt einige Besonderheiten in sich. Eine davon wäre wie bereits angedeutet die Besonderheit des „ti“, welches wie ein „s“ ausgesprochen wird. Laut einer Legende ist dies zustande gekommen, als ein europäischer Missionar vor vielen Jahrzehnten nach Kiribati kam und die Sprache mit seiner Schreibmaschine verschriftlichen wollte. Da aber angeblich die Taste mit dem „s“ nicht funktionierte, musste eine andere Lösung her. So wurde das „s“ zum „ti“; mit der Begründung, dass es dem englischen „th“ am nächsten käme und in einigen Fällen wie ein „s“ klinge.

Anne und ich haben uns angenommen, die Sprache etwas zu lernen, da der Smalltalk in Kiribati einen hohen Stellenwert hat und den meisten Menschen sofort ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann. Für mich ist es die sechste Sprache, die ich begonnen habe zu lernen und so versuche ich gerne immer wieder Parallelen zu einer der anderen fünf Sprachen herzustellen, was mir bisher allerdings noch nicht wirklich gelungen ist. Wie bei vielen anderen Sprachen aber auch, ist die Betonung entscheidend, um nicht missverstanden zu werden. Mit Englisch kann man sich hier auch mehr oder weniger gut verständigen, was zur Folge hat, dass ich aus Bequemlichkeit oder eher aus Grund von Unsicherheit in der Sprache oftmals lieber auf das Gewohnte zurückgreife. Sehr wahrscheinlich wäre ich in der Sprache auch wesentlich weiter vorangekommen, wenn es eine Notwendigkeit wäre und niemand Englisch spräche.

Aber nicht nur wir lernen hier Teile einer neuen Sprache kennen, sondern geben unsere Sprachkenntnisse an andere weiter. In der Schule den Schülern und am Abend einer Gruppe von Taiwanesen und Japanern, die ganz verrückt darauf sind, ihr Englisch zu verbessern und die kompliziertesten deutschen Zungenbrecher zu beherrschen. Jeden Dienstag Abend heißt es für mich zwei Stunden lang Clara und Jim die Grundlagen der deutschen Sprache näherzubringen, während für Anne mit einer anderen Gruppe am Mittwoch Englisch auf dem Plan steht.

Für mich ist es ehrlich gesagt eine Herausforderung, anderen die eigene Muttersprache zu erklären, da ich sie selten hinterfrage und im Hinterkopf beim Gebrauch von ihr nicht an irgendwelche grammatikalischen Regeln oder Ausnahmen denke. Doch das macht die Sache auch in vielen Dingen spannender, da ich selbst viel über meine Muttersprache lerne, die ich eigentlich zu kennen dachte. Es ist irgendwie so, als würde ich meine eigene Sprache noch einmal ganz neu und vor allem ganz anders kennenlernen, was mich schon vor einigen Wochen zu der Frage verleiten ließ, was für eine Bedeutung Sprache, aber auch ganz besonders Muttersprache, für uns als Menschen hat.

Erst gestern las ich dazu einen spannenden Artikel zum Thema Sprache in der neuen Ausgabe der Hohen Luft. In dem Artikel „Die Macht der Sprache“ wird Bezug auf eine Studie des Pew ResearchCenters, einem Meinungsforschungsinstitut aus Washington, genommen, welche es sich zum Ziel gemacht hatte, in 14 europäischen Ländern in Erfahrung zu bringen, welche Faktoren für das Zugehörigkeitsgefühl eine Rolle spielen und ihren Schwerpunkt dabei auf die Sprache gelegt. Dabei kam es zu folgendem Ergebnis: Etwa 33 Prozent der Befragten ist der Ansicht, dass die Zugehörigkeit zu einem Land von dem Geburtsort abhängig sei. Ganze 77 Prozent hingegen ist davon überzeugt, dass die Landessprache eine notwendige Gemeinsamkeit sei, um von nationaler Identität sprechen zu können.

Aber was ist dann mit den Gehörlosen und ihrer eigenen, ganz besonderen Sprache? Welchem Land wären sie dann zugehörig, wenn die Mehrheit der Befragten der Überzeugung ist, dass Sprache Heimat benennt? Diese Frage stellte ich mir, als letzte Woche sich ein taubstummer Junge im Bus neben mich setzte und nach einer Weile begann, mir das Alphabet auf seiner Sprache beizubringen, sodass wir doch noch ganz kurze Sätze, auch durch ganz einfache Zeichen, austauschen konnten. Die also doch etwas längere Busfahrt wurde damit zu einem einzigartigen Gespräch, welches ich wohl nur schwer vergessen werde. Eine Begegnung, die zeigt, dass es nicht immer an Sprache bedarf, sich einander mitteilen zu können und zu dürfen.

story to tellAus einer Familie stammend, die nicht dieselbe Sprache spricht, kann ich abschließend noch sagen, dass eine andere Sprache zum Glück nicht bedeutet, sich zwangsläufig weniger verbunden zu fühlen, sondern dass Worte dafür manchmal gar nicht erst nötig sind. Klar, kann Sprache das zwischenmenschliche Miteinander enorm erleichtern, doch die richtigen Worte in einer Situation zu finden, bleibt wohl auch eine Kunst. Ganz egal, in welcher Sprache. Viele liebe Grüße,

Patricia Fritze aus Ratzeburg, zur Zeit Freiwillige in Kiribati

 

 

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